Changzhou (Jiangsu Provinz im Südosten), China

 Februar 2009
   

Liebes Effner,

Jojo Bieringer (rechts) mit Gastschwesternach bereits sechs Monaten China und sechs Monaten voll neuer Eindrücke, Menschen und vielen tollen Erfahrungen komme ich jetzt endlich mal dazu ein bisschen zu erzählen wie es mir im Land von Reis und Hühnerbein so geht.

Ich kann es kaum glauben dass die Zeit wirklich so schnell vergeht, aber ich denke wenn einem fast jeden Tag etwas Neues über den Weg läuft vergisst man so was doch recht schnell. Seit meiner Ankunft am 27. Juli in Shanghai hat sich mein Leben und mein Weltbild radikal verändert. In China ist nichts so wie bei uns in Deutschland, Dinge die bei uns als selbstverständlich angesehen werden haben teilweise einen ganz anderen Stellenwert und viele Verhaltensregeln stehen vollkommen auf dem Kopf. Wer dem nicht offen entgegentritt und bereit ist seine Vorurteile oder Einstellungen gegenüber manchem zu Hause zu lassen, sollte besser ganz schnell die Rückreise antreten.

Das musste auch ich ziemlich bald feststellen und manchmal war es nicht besonders leicht meinen neuen Alltag so wie er halt war zu akzeptieren. Aber spätestens jetzt, nach sechs Monaten kann ich sagen; Austauschjahr, ein Jahr in CHINA, war die beste Idee die ich mir je in den Kopf gesetzt habe!

Wo sonst lernt man sogar Schule richtig zu schätzen (ja, Schule in China ist nicht das gelbe vom Ei und neun Stunden Unterricht mit „geringen“ Verständigungsschwierigkeiten kann auch dem geduldigsten Menschen irgendwann gehörig auf den Geist gehen) oder die viele Freizeit die wir deutschen Jugendlichen genießen dürfen. Hier gehe ich morgens ab 07:45 bis 17:00 Uhr in die Schule, von Montag bis Freitag, meine Mitschüler haben allerdings auch samstags Unterricht und verbringen den Rest ihres Wochenendes meist mit lernen und Hausaufgaben.

Viel Zeit für Partys, sich mit Freunden treffen, rumgammeln und nichts tun bleibt da eher nicht. Wie man das auf Dauer aushalten kann ist mir immer noch ein Rätsel, ich würde mir das nie im Leben länger als ein Jahr lang antun. Deshalb ist es auch schwer richtige Freunde zu finden, einfach deswegen weil sie keine Zeit haben und Schule für die meisten das absolute Lebenszentrum ist. In den Ferien und an den Wochenenden treffe ich mich oft mit anderen Austauschschülern, fahre in andere Städte wie Shanghai, Nanjing und Wuxi, gehe shoppen (was man hier mehr als gut kann) und Karaoke singen, sehe alten Chinesen beim Morgensport und Tai Chi im Park zu, fahre in vollkommen überfüllten Bussen durch die Stadt, probiere die unmöglichsten chinesischen Spezialitäten die es gibt wie Entendarm, Reis mit Schildkröte, andere leckere Innereien und Co., versuche mich nach wie vor noch an ungeniertes Spucken, Rotzen, Rülpsen und kleine Kinder auf den Gehweg pinkeln lassen zu gewöhnen und vieles mehr.

Mit meiner Gastfamilie verstehe ich mich auch sehr gut, zwar können wir nicht wirklich viele Familienausflüge machen wie vielleicht mit einer Gastfamilie in Amerika oder Australien aber trotzdem bin ich von Anfang an herzlich aufgenommen worden. Das Leben in einer chinesischen Familie unterscheidet sich schon ein wenig von dem in einer westlichen, was für mich vor allem auch daran liegt dass es hier natürlich nicht mehr als ein Kind gibt, was oft dazu führt dass dieses ziemlich verwöhnt wird und die Eltern alles tun um ihm eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Der Graben zwischen arm und reich ist sehr groß, auf der einen Seite die vielen Bettler, Straßenverkäufer, Fabrikarbeiter und Bauarbeiter, auf der anderen Seite die ganzen neureichen Chinesen die für ausländische Firmen arbeiten oder ihre eigene aufgebaut haben und wahrscheinlich teilweise sogar bereits reicher sind als manche wohlhabenden Amerikaner.

Wir Ausländer werden nach wie vor noch als die seltsamen Fremden angesehen und wenn man durch die Stadt läuft und nicht andauernd angestarrt werden will sollte man sich Sonnenbrille und Mütze zulegen, denn blonde Haare oder blaue Augen ziehen unter den vielen schwarzhaarigen Chinesen einige Blicke auf sich. Gewöhnungsbedürftig, ja, aber man kann es ihnen kaum übel nehmen, die meisten hatten noch nie die Chance selbst ins Ausland zu reisen und werden sie wahrscheinlich auch nie haben, an einen Reisepass zu kommen ist laut meinen Gasteltern recht schwierig und kompliziert, von den Kosten mal abgesehen.

Ich habe ein paar Mal einige Chinesen gefragt was sie von dem Kommunismus im Lande halten oder von Mao Ze Dong, während viele nicht sehen oder nicht sehen wollen was an ersterem auszusetzen ist finde ich es ganz interessant was sie zu dem Mann zu sagen haben der im Westen ja keinen allzu guten Ruf genießt. Er hat viele Menschen das Leben gekostet und seine Vorgehensweisen waren sicher nicht gerade gut und angemessen, aber ihrer Meinung nach hat er China auch um einiges weitergebracht und den Fortschritt vorangetrieben. Schon als ich noch in Deutschland war hat man uns China Austauschschüler davor gewarnt bei dem Thema Politik vorsichtig zu sein, gerade in der Schule oder an einem Ort mit vielen Leuten ist es nicht sonderlich ratsam die chinesische Regierung oder die Verletzungen der Menschenrechte (Tibet) zu kritisieren. Auch wenn sich meine Einstellung gegenüber diesem Thema nicht geändert hat, im täglichen Leben fällt es einem leicht das ziemlich zu vergessen und dann ist China im Grunde genommen natürlich wie jedes andere Land und die Leute die hier leben haben genau die gleiche Sorgen, Ängste und Hoffnungen wie wir im „Westen“ auch.

Im Moment genieße ich gerade die letzte von drei Wochen Ferien, am 26. Januar habe ich mit meiner Gastfamilie das chinesische Neujahr oder Spring Festival gefeiert und die Verwandten meiner Gastmutter in der Jiangxi Provinz in Nanchan besucht. Das Spring Festival ist vergleichbar mit Weihnachten bei uns, was den Wert für die Menschen angeht. Allerdings habe ich mir das ganze ehrlich gesagt ein wenig „größer“ vorgestellt, dafür dass man mich schon im Sommer mit der Vorfreude für dieses besondere Fest angesteckt hat fällt die eigentliche Feier in einer normalen Familie doch eher klein aus. Das neue Jahr wird mit viel Feuerwerk und Rumgeböllere begrüßt (aber nicht erst ab Mitternacht und es geht auch fast eine Woche so weiter...), am Abend sind wir mit Verwandten Essen gegangen, aber die Tage danach waren eher eintönig. Ich denke die freien Tage werden hauptsächlich dafür genutzt Familie und Verwandte zu besuchen, da China ein riesiges Land ist kann das unter Umständen eine sehr lange Reise bedeuten. Es war trotzdem eine schöne Erfahrung und Zeit, die ich mit meiner Gastfamilie verbringen konnte.

In fünf Monaten heißt es für mich bereits wieder Abschied nehmen aber bis dahin werde ich jede Möglichkeit voll auskosten und bestimmt noch viele sehr chinesische Erfahrungen machen. Viele liebe Grüße an das weit entfernte Deutschland und ein frohes chinesisches neues Jahr!

Eure Johanna Bieringer

 

Ein Jahr in China: Briefe aus der chinesischen Gegenwart

Liebes Effner,

bevor ich bald schon wieder meine Heimreise antrete, will ich noch ein bisschen von meinem verrückten Alltag hier erzählen. Denn meiner Meinung nach hat man nach einem Jahr China sicher genug Absonderheiten, extreme Eindrücke und neue Erfahrungen durchlebt, um sich irgendwann doch in die bekannte und „normale“ Umgebung zu Hause zurück zu wünschen.

In den letzten knapp 11 Monaten musste ich lernen mich anzupassen und über gewisse Dinge, die ich eigentlich nie so akzeptieren würde, hinwegzusehen. Gerade in China ist es mir mit der Akzeptanz manchmal schwer gefallen und nicht selten habe ich nur fassungslos den Kopf schütteln können und mich gefragt: „Warum bist du eigentlich noch mal nach CHINA gegangen???“ Aber bei zwei Kulturen, die sich in so vielem unterscheiden, ist es wohl normal, wenn man hin und wieder in Situationen kommt, bei denen man am liebsten gleich davon rennen würde.

In so eine Situation bin ich gleich am Anfang meines Austauschjahres gekommen. Mit meiner Klasse und dem ganzen restlichen Jahrgang ging es für eine Woche ins Militärcamp. Schon bei der Ankunft wurde mir klar: Das wird keine schöne Woche. Während des Camps schlief ich mit neun anderen Mädchen in einem Zimmer auf Metallbetten mit einer äußerst unbequemen Holzplatte. Das Bettzeug mussten wir jeden Morgen peinlich genau zusammenlegen und dann darauf warten, dass wir das OK von unserem „Trainer“ bekamen. Zu unserer großen Freude durften wir potthässliche Uniformen tragen, die erstens schon ziemlich viele Vorgänger getragen hatten (und am Ende nur per Hand gewaschen wurden) und die zweitens bei dem wunderbar heißen Spätsommerwetter nicht gerade meine bevorzugte Kleidungswahl gewesen wären.

Jeden Morgen mussten wir erst mal auf einem großen Vorplatz auflaufen und in Reih und Glied stramm und still stehen. Wer zu spät kam oder seine Uniform (samt schicker Mütze) nicht vollständig trug, konnte sich auf ein paar Extralaufrunden um den Sportplatz oder ein paar Liegestützen freuen. Bis zum fast ungenießbaren Mittagessen lernten wir mit wenigen Unterbrechungen marschieren, ein Schutztuch um den Kopf binden, für lange lange Zeit unter der prallen Sonne still stehen und einiges mehr. Am Nachmittag lief es eigentlich genauso ab. Während des Abendessens waren alle KO und es wurde kein Wort geredet (durfte man auch nicht). Nach einer kurzen Pause auf den Zimmern wurden wir dann noch ein letztes Mal mit kleinen Holzschemeln auf den Platz gerufen, um theoretischen Unterricht zu erhalten. Ich habe allerdings nur vor mich hingedöst, da mein Chinesisch zu dem Zeitpunkt noch lange nicht gut genug war.

Ich glaube, ich habe den Kommunismus nie stärker gespürt und habe auch nie weniger verstanden, wie die Chinesen es so in diesem Land aushalten. Für mich war es definitiv die schlimmste Woche in meinem bisherigen Leben, aber ich bin dennoch stolz darauf, dass ich diese Erfahrung durchgemacht habe.

Da der größte und wichtigste Unterschied für mich zwischen Deutschland und China ganz klar in der Schule liegt, wollte ich noch einmal ein wenig genauer beschreiben, wie anders es hier aussieht. Für die Schüler beginnt der Unterricht bereits um 06:55 Uhr und endet meistens um 19:00 Uhr, das heißt 12h am Stück. Das Schulgelände wird während dieser Zeit für gewöhnlich nicht verlassen. Vormittags werden Fächer unterrichtet wie Mathe, Chinesisch, Physik, Biologie, Geschichte, Chemie und Englisch, nachmittags gibt es auch zweimal die Woche je eine Stunde Sportunterricht sowie Informatik, Politik, Erdkunde, Kunst oder Musik und Technologie. Die Lehrer unterrichten jeweils immer nur ein Fach. In der Mittagspause, die von 11:45 bis 13:30 Uhr dauert, können die Schüler natürlich erstmal zu Mittag essen (entweder in der Kantine oder, wie in meiner Schule, sogar im Klassenzimmer, wobei das Essen wirklich nicht sonderlich appetitanregend ist...) und ein wenig relaxen, allerdings müssen sie um viertel nach zwölf alle wieder im Klassenzimmer sein, um Hausaufgaben und Extraaufgaben zu erledigen, von Erholung kann also nicht unbedingt die Rede sein.

Seit etwa zwei Monaten gibt es in meiner Stadt Changzhou eine neue Regelung der Unterrichtsdauer: Die Schüler haben jetzt wie wir ein zweitägiges Wochenende und unter der Woche nur bis ca. halb sechs Uhr Unterricht. Doch der eigentliche Grund dafür spiegelt all das wider, was mit dem chinesischen Schulsystem falsch läuft. In einem gewissen Zeitraum haben gleich mehrere SchülerInnen unabhängig voneinander Selbstmord begangen, zum Glück an keiner der Schulen, die Austauschschüler besuchen, aber dennoch haben diese Vorkommnisse unter uns schnell die Runde gemacht. Laut meiner Gastschwester konnten diese Schüler einfach nicht mehr dem immensen Druck standhalten, vor allem da sich viele zu dieser Zeit auf die Aufnahmetests für die Universitäten vorbereiten mussten, Tests, von denen ihre ganze weitere Zukunft abhängt. Als ich davon gehört habe, war ich natürlich erst einmal richtig geschockt. Man hört ja ab und zu schon mal von solchen Verzweiflungstaten, aber wenn es sich in der unmittelbaren Umgebung abspielt, ist das noch eine ganz andere Sache. Wie gesagt: Für mich war das ganze unvorstellbar, die chinesischen Schüler hat es gefreut. Und kann man es ihnen wirklich übel nehmen? Ich denke, sie haben den Auslöser für diese „glückliche“ Wendung in ihrem Schulalltag verdrängt, um einfach die Tatsache genießen zu können, dass sie jetzt ein klein wenig mehr Freizeit haben. Leider gilt dies nur für das laufende Schuljahr und ich bin mir fast sicher, dass nächstes Jahr alles wieder beim Alten ist. Trotzdem, es ist wirklich schade, dass so etwas passieren musste, um zumindest für eine gewisse Zeit die Dinge zu ändern.

In zwei Wochen sitze ich nach fast einem Jahr Austausch wieder im Flieger zurück ins schöne Deutschland und die Zeit, die ich hier verbracht habe, kommt mir doch so viel kürzer vor. Wie kann man so ein Jahr schon in Worte packen? Ich habe mich verändert, sehe die Welt jetzt mit ganz anderen Augen und weiß vor allem mein Zuhause richtig zu schätzen. China mag in gewisser Hinsicht eine ziemliche Herausforderung gewesen sein, aber ein Jahr später stehe ich immer noch heil und sicher auf beiden Beinen und wenn ich zurückblicke, habe ich eine unglaublich ereignisreiche Zeit vor Augen. Ein letztes mal Zaijian aus China und schon bald Hallo in Deutschland!

Eure Johanna Bieringer